Zeitungsverlag Waiblingen, Germany
Quelle: https://www.zvw.de/inhalt.vermisster-junge-aus-winnenden-wie-geht-es-mit-dem-elfjaehrigen-iraker-weiter.97acc721-6788-4d6f-a99d-ed6cd809e57e.html

undefinedZVW/Andrea Wüstholz, 03.04.2019 - 00:00 Uhr
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Zahlreiche Polizisten hatten sich in der vergangenen Woche an der Suchaktion in Winnenden beteiligt. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Winnenden. „Es geht ihm gut“, sagt Polizeisprecher Ronald Krötz über den elfjährigen Flüchtlingsjungen, der Winnenden den Rücken gekehrt hat. Der junge Iraker lebt nun bei seinen Großeltern in Schweden. Laut Krötz gibt es Anhaltspunkte, wonach der Vater des Jungen seinen damals zehnjährigen Sohn anderen Flüchtlingen mitgegeben haben soll, damit er aus dem Irak herauskommt. Das sagt viel aus über die Lebensverhältnisse dort.

Die Polizei hatte mehrere Tage lang fieberhaft nach dem Jungen gesucht, nachdem er am Freitag, 22. März, nicht von der Schule nach Hause gekommen war. Der Elfjährige hatte die Stöckachschule in Winnenden besucht und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in einer Einrichtung der Paulinenpflege in Winnenden-Schelmenholz gelebt.

Am Dienstagabend vergangener Woche kam die gute Nachricht: Dem Jungen ist nichts passiert. Er hat sich nach Schweden zu Verwandten aufgemacht. In einem Video, das wenig später auf Facebook auftauchte, sprach der Junge auf Deutsch in die Kamera: „Ihr braucht keine Angst zu haben.“ Nie wieder wolle er nach Deutschland; in Schweden sei’s viel besser, sagt der Junge.

„Es geht hier um das Wohl des Kindes“

Mit den atemberaubenden Seenlandschaften in Schweden hat das ganz sicher nichts zu tun, zumal der Junge sich nach so kurzer Zeit noch keinen Eindruck vom Land verschafft haben kann. Er hat jetzt Familienanschluss, lebt bei Oma und Opa, nicht mehr in einer Jugendhilfeeinrichtung. Wer könnte es dem Jungen verdenken, dass er ein familiäres Umfeld einer Wohngruppe vorzieht. Der Junge ist nicht allein von Winnenden nach Schweden gereist, davon geht die Polizei laut Ronald Krötz aus.

Je nach innerer Haltung stellen Menschen nach diesem Fall verschiedene Fragen:

  • Darf der Junge in Schweden bleiben?
  • Welche Art Rechtsverstoß liegt vor?
  • Welche Konsequenzen hat das?

Es gibt bisher nur wenige Antworten.

Ronald Krötz betrachtet den Fall von der menschlichen Seite und betont: „Es geht hier um das Wohl des Kindes.“

Bisher war das Jugendamt für den Jungen zuständig, da er als Minderjähriger ohne Erziehungsberechtigte nach Deutschland gekommen war. Wie es nun weitergeht, ist offen; diese Dinge brauchen Zeit: „Es hängt alles davon ab, wo der Junge in Zukunft wohnen wird. Das ist noch in der Klärung“, berichtet Martina Keck, Pressesprecherin am Landratsamt.

Künftiger Wohnort: Unklar

Rein ausländerrechtlich betrachtet hätte sich der Junge nur innerhalb Deutschlands bewegen dürfen, bestätigt Martina Keck. Als Minderjähriger hätte der Iraker auch Reisen innerhalb Deutschlands mit seinem Amtsvormund beim Jugendamt abstimmen müssen. Der Elfjährige hat offenbar regelmäßig seinen Onkel in Fellbach besucht. Das wusste sein Vormund, er hatte zugestimmt.

Aus verständlichen Gründen reagiert ein Ansprechpartner im Umfeld des Jungen, den diese Zeitung via Facebook mehrfach kontaktiert hat, nicht. Vermutlich fürchtet die Familie Repressalien wegen des Verstoßes gegen das Ausländerrecht. Für alle Beteiligten dürfte sich die Vorstellung, der Junge könnte aus rechtlichen Gründen nach Deutschland zurückgeholt werden, schlicht schrecklich anfühlen. Wo sich die Eltern des Jungen momentan aufhalten, „darüber wissen wir nichts Verlässliches“, sagt Ronald Krötz. Allem Anschein nach haben sich die Eltern zu keiner Zeit in Deutschland aufgehalten.

Rund 16 000 und damit rund zehn Prozent aller Erstanträge auf Asyl wurden im Jahr 2018 in Deutschland von Menschen aus dem Irak gestellt. Einer Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zufolge (BaMF) wurden im vergangenen Jahr knapp ein Drittel der Anträge von Menschen aus dem Irak letztlich positiv beschieden.

Der elfjährige Junge war im Mai 2018 in Deutschland angekommen. Früheren Angaben zufolge befand er sich zum Zeitpunkt, als er Winnenden verließ, im Aufenthaltsstatus einer Duldung.

Das Auswärtige Amt ruft unterdessen Ausländer, die sich im Irak aufhalten, zur „sofortigen Ausreise“ aus bestimmten Landesteilen auf, etwa aus Mossul, Ramadi oder Tikrit. „Auch für den Großraum Bagdad und den Norden der Provinz Babel wird eine vorübergehende Ausreise dringend empfohlen“, heißt es beim Auswärtigen Amt. Dessen Einschätzung der Sicherheitslage im Irak: „Es muss landesweit weiterhin mit schweren Anschlägen und offenen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen IS-Verbündeten und Sicherheitskräften gerechnet werden.“